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Schüler:
Wieso fiel die Wahl auf Emilia Galotti?
Parizek:
Die wesentliche Vorgabe fand durch die Intendanz statt, jedoch spricht
mich das Stück recht an, da man viele Parallelen aus Emilia Galotti
zur heutigen Zeit erkennen kann. Wie viele Wälder bitte schön, bildlich
gesprochen, werden heute abgeholzt, um seine persönlichen Ziele zu erreichen.
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Regisseur,
Emilia, Regieassistent |
Schüler:
Was ist aus Ihren Augen die Schlüsselszene? Ist es die letzte?
Parizek: Es ist sehr wohl die
letzte Szene, sehr richtig, weil Odoardo zunächst den strikten und sturen
Soldaten verkörpert hat, der seiner Frau und deren Berührungen, wie Berührungen
im Allgemeinen, aus dem Weg zu gehen versucht. Im besagten Ende kehrt sich diese
Einstellung in ihr Gegenteil um. Odoardo sucht die Nähe zu seiner Tochter, wird
demnach zu einem Gefühlsmenschen.
Zudem erfährt
die Figur des Prinzen eine tiefere Durchleuchtung. Zunächst hält der Prinz
eine Fassade aufrecht, die bei jeglicher Enttäuschung, die ihn trifft, bröckelt.
Vor allem ist dies zu beobachten, als Odoardo, das habt ihr ja selbst gesehen,
dem Prinzen mitteilt, dass Emilia ins Kloster geschickt werden soll.
Schüler:
Wir haben heute schon gehört, dass die Emilia stark gekürzt sein soll?
Parizek:
(erstaunt) Die Emilia
selbst, oder das Stück?
Schüler:
Das Stück.
Parizek: Alles, was für ein
Stück wichtig ist, ist die Handlung. Das Stück muss von sich selbst erzählen.
Man muss darauf achten, dass man das Wichtige, das Essentielle ins Auge fasst
und sämtliche Verzierung streicht. Auf den wirklichen Inhalt kommt es an, den
gilt es zu fokussieren. Der gesamte Arbeitsalltag des Prinzen zu Beginn ist
relativ unwichtig. So auch das Gespräch mit dem Maler Conti. Dies kann man stärker
bündeln, sodass wir die Gesprächsanteile anderer Personen auf Marinelli übertragen
haben. Das hat zur Folge, dass alle Charaktere wichtig sind.
Ergänzung durch den Regieassistenten: Dadurch wird das Verhältnis zwischen Marinelli und dem
Prinzen deutlich enger; sie scheinen sich bereits Jahre zu kennen, sodass die
Entwicklungen dadurch auch in einem anderen Licht beurteilt werden könnten.
Parizek: Betrachtet man
Szene 1, so ist nur wichtig, welche Wandlung der Prinz durch die Nennung Emilias
durch Marinelli erfährt. Er wird vom Machtverwalter zum Manne, den einzig
interessiert, wie er sich Emilias Liebe sichern kann. Das ist genau die gegenläufige
Entwicklung der Charaktere, die dieses Stück so interessant und aktuell macht.
Schüler: Wie wird die
Beziehung zwischen Emilia und Appiani geschildert, denn im Text ist darüber ja
recht wenig zu erfahren?
Parizek: Das ist richtig.
Daher haben wir uns viel Zeit genommen, diese Beziehung zu beleuchten. Es ist
„Zeit für einen Blick“. Es wird deutlich, dass sie ein recht erotisches
Verhältnis haben, das durch die Scham Claudias noch einmal verdeutlicht wird.
Zusammenarbeit bei der Umsetzung
des Regiekonzepts
Schüler
An den Regieassistenten: Was sind die Aufgaben eines Regieassistenten?
Stefan
Nagel: Ich komme jeden Morgen um 7 Uhr ins
Theater und schaue zunächst einmal nach, ob alle Requisiten, welche für die
Proben benötigt werden, auch vorhanden sind. Generell kontrolliere ich die
Vorbereitungen für die Proben, was die Kontrolle der Maske etc. beinhaltet. Man
kann mich, wenn man so will, auch als „Mädchen für alles“, beschreiben.
Schüler:
Wie verläuft die Zusammenarbeit mit dem Dramaturgen?
Parizek: Zunächst nehme ich
mir den Text vor. Das heißt, mein Regieassistent und ich sitzen eine lange Zeit
am Tisch und tun nichts weiter als zu lesen: Anschließend entwickeln wir Schlüsselfragen
und können so entscheiden, welche Szenen Antworten auf diese geben können,
sodass dann auch möglich ist zu entscheiden, wo man kürzen kann. So entsteht
eine erste Strichfassung, die ich dem Dramaturgen vorlege. Diese wird mit seiner
Strichfassungsversion verglichen. Dabei sind meine Strichfassungen in der Regel
kürzer als die des Dramaturgen. Hier habe ich es in Deutschland zum ersten Mal
erlebt, dass ein Dramaturg eine stärker gekürzte Form entwickelt hat, als ich
es tat.
Der Prozess des Kürzens dauert ca. zehn Wochen.
Schüler:
Wird der gekürzte Text noch überarbeitet?
Parizek: Der gekürzte Text
wird ständig überarbeitet, denn in Raum und Zeit sieht vieles anders aus.
Daher setze ich mich auch oft in meine eigenen Stücke, um neue Eindrücke
gewinnen zu können. Als ich mich entschieden habe, Theater zu machen, habe ich
mich entschieden, die großen Klassiker nicht zu schauen, damit ich unbefangen
an die eigene Inszenierung herangehen kann. Die erste Hamlet-Version, die ich je
gesehen habe, war meine eigene.
Schüler:
Lesen Sie sich die Kritiken durch, oder interessiert Sie das nicht mehr?
Parizek: Es ist so: Wir haben
hier „Die Räuber“ inszeniert. Das hat bis heute eine Auslastung von 94%,
das Stück wurde vom Kölner Stadt-Anzeiger gnadenlos zerrissen. Wer hat Recht? Das Publikum oder die Zeitung? Meiner Meinung nach entscheiden die Zuschauer über
die Qualität des Stückes. Würden sie sonst wiederkommen? Nein!
Zudem muss man
ja mal betonen, dass diese einzelne, subjektive Meinung eines Kritikers nicht
alles in Frage stellen darf.
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