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Gespräch mit Regisseur Dušan David Parizek vom 06.02.06

Schüler:  Wieso fiel die Wahl auf Emilia Galotti?

Parizek:  Die wesentliche Vorgabe fand durch die Intendanz statt, jedoch spricht mich das Stück recht an, da man viele Parallelen aus Emilia Galotti zur heutigen Zeit erkennen kann. Wie viele Wälder bitte schön, bildlich gesprochen, werden heute abgeholzt, um seine persönlichen Ziele zu erreichen.

 

Regisseur, Emilia, Regieassistent

Schüler:  Was ist aus Ihren Augen die Schlüsselszene? Ist es die letzte?

Parizek: Es ist sehr wohl die letzte Szene, sehr richtig, weil Odoardo zunächst den strikten und sturen Soldaten verkörpert hat, der seiner Frau und deren Berührungen, wie Berührungen im Allgemeinen, aus dem Weg zu gehen versucht. Im besagten Ende kehrt sich diese Einstellung in ihr Gegenteil um. Odoardo sucht die Nähe zu seiner Tochter, wird demnach zu einem Gefühlsmenschen.

Zudem erfährt die Figur des Prinzen eine tiefere Durchleuchtung. Zunächst hält der Prinz eine Fassade aufrecht, die bei jeglicher Enttäuschung, die ihn trifft, bröckelt. Vor allem ist dies zu beobachten, als Odoardo, das habt ihr ja selbst gesehen, dem Prinzen mitteilt, dass Emilia ins Kloster geschickt werden soll.

Schüler: Wir haben heute schon gehört, dass die Emilia stark gekürzt sein soll?

Parizek: (erstaunt) Die Emilia selbst, oder das Stück?

Schüler: Das Stück.

Parizek: Alles, was für ein Stück wichtig ist, ist die Handlung. Das Stück muss von sich selbst erzählen. Man muss darauf achten, dass man das Wichtige, das Essentielle ins Auge fasst und sämtliche Verzierung streicht. Auf den wirklichen Inhalt kommt es an, den gilt es zu fokussieren. Der gesamte Arbeitsalltag des Prinzen zu Beginn ist relativ unwichtig. So auch das Gespräch mit dem Maler Conti. Dies kann man stärker bündeln, sodass wir die Gesprächsanteile anderer Personen auf Marinelli übertragen haben. Das hat zur Folge, dass alle Charaktere wichtig sind.

Ergänzung durch den Regieassistenten:  Dadurch wird das Verhältnis zwischen Marinelli und dem Prinzen deutlich enger; sie scheinen sich bereits Jahre zu kennen, sodass die Entwicklungen dadurch auch in einem anderen Licht beurteilt werden könnten.

Parizek: Betrachtet man Szene 1, so ist nur wichtig, welche Wandlung der Prinz durch die Nennung Emilias durch Marinelli erfährt. Er wird vom Machtverwalter zum Manne, den einzig interessiert, wie er sich Emilias Liebe sichern kann. Das ist genau die gegenläufige Entwicklung der Charaktere, die dieses Stück so interessant und aktuell macht.

Schüler: Wie wird die Beziehung zwischen Emilia und Appiani geschildert, denn im Text ist darüber ja recht wenig zu erfahren?

Parizek: Das ist richtig. Daher haben wir uns viel Zeit genommen, diese Beziehung zu beleuchten. Es ist „Zeit für einen Blick“. Es wird deutlich, dass sie ein recht erotisches Verhältnis haben, das durch die Scham Claudias noch einmal verdeutlicht wird.

  

Zusammenarbeit bei der Umsetzung des Regiekonzepts

 

Schüler An den Regieassistenten: Was sind die Aufgaben eines Regieassistenten?

Stefan Nagel: Ich komme jeden Morgen um 7 Uhr ins Theater und schaue zunächst einmal nach, ob alle Requisiten, welche für die Proben benötigt werden, auch vorhanden sind. Generell kontrolliere ich die Vorbereitungen für die Proben, was die Kontrolle der Maske etc. beinhaltet. Man kann mich, wenn man so will, auch als „Mädchen für alles“, beschreiben.

Schüler:  Wie verläuft die Zusammenarbeit mit dem Dramaturgen?

Parizek: Zunächst nehme ich mir den Text vor. Das heißt, mein Regieassistent und ich sitzen eine lange Zeit am Tisch und tun nichts weiter als zu lesen: Anschließend entwickeln wir Schlüsselfragen und können so entscheiden, welche Szenen Antworten auf diese geben können, sodass dann auch möglich ist zu entscheiden, wo man kürzen kann. So entsteht eine erste Strichfassung, die ich dem Dramaturgen vorlege. Diese wird mit seiner Strichfassungsversion verglichen. Dabei sind meine Strichfassungen in der Regel kürzer als die des Dramaturgen. Hier habe ich es in Deutschland zum ersten Mal erlebt, dass ein Dramaturg eine stärker gekürzte Form entwickelt hat, als ich es tat.

               Der Prozess des Kürzens dauert ca. zehn Wochen.

Schüler: Wird der gekürzte Text noch überarbeitet?

Parizek: Der gekürzte Text wird ständig überarbeitet, denn in Raum und Zeit sieht vieles anders aus. Daher setze ich mich auch oft in meine eigenen Stücke, um neue Eindrücke gewinnen zu können. Als ich mich entschieden habe, Theater zu machen, habe ich mich entschieden, die großen Klassiker nicht zu schauen, damit ich unbefangen an die eigene Inszenierung herangehen kann. Die erste Hamlet-Version, die ich je gesehen habe, war meine eigene.

Schüler: Lesen Sie sich die Kritiken durch, oder interessiert Sie das nicht mehr?

Parizek: Es ist so: Wir haben hier „Die Räuber“ inszeniert. Das hat bis heute eine Auslastung von 94%, das Stück wurde vom Kölner Stadt-Anzeiger gnadenlos zerrissen. Wer hat Recht? Das Publikum oder die Zeitung? Meiner Meinung nach entscheiden die Zuschauer über die Qualität des Stückes. Würden sie sonst wiederkommen? Nein!

Zudem muss man ja mal betonen, dass diese einzelne, subjektive Meinung eines Kritikers nicht alles in Frage stellen darf.

 

bei den Proben

 

Schüler: Abschließend möchten wir noch einmal kurz auf das Bühnenbild eingehen. Haben Sie Einfluss auf das Bühnenbild genommen?

Parizek: Ja das habe ich, denn der Symbolcharakter der Bühne fasziniert mich. Mit dieser Konstruktion ist es möglich, das kleine Stübchen der Familie Galotti binnen weniger Sekunden in den riesigen Saal des Lustschlosses zu verwandeln. Fallen dann die restlichen Wände, ist man sich nicht sicher, ob sich Odoardo und Emilia nun in einer wirklichen oder fantastischen Umgebung oder womöglich auch im Weltraum befinden.

Schüler: Sind auch die Schatten von besonderer Bedeutung und bewusst eingesetzt?

Parizek: Ja. Sie sind eine Art „Negativabdrücke des Menschen“. So wird ermöglicht, dass eine kleine zaghafte Emilia zu einer starken, reifen Frau heranreift, je weiter sie sich dem Prinzen nähert.

Je weniger Licht eingesetzt wird, desto stärker kommen die zu übertragenden Stimmungen herüber. Es ist doch absurd, dass man stets meint, man müsse jeden Winkel und jede Falte im Gesicht beleuchten.

Hier ist ein Belgier engagiert, Johann Delaere, ein wirklicher Künstler auf seinem Gebiet, ganz fantastisch. Es zeugt von Demut, alles das, was man gelernt hat, nicht einzusetzen. Wir kommen bei Galotti lediglich mit zwei Lichtquellen aus. Ich hoffe, ich habe eure Fragen beantwortet.

Schüler: Das haben Sie, vielen Dank.

Parizek: Es hat mich sehr gefreut.

 

 

Das Gespräch führten Franziska Ebel, Jörg Theis und Daniel Bärenheuser.

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