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Marc Günther, Intendant für Schauspiel, erklärte
sich bereit, unserem Deutsch - LK am 4. Dezember 2003 ein wenig
über seinen Beruf als Intendant an den Bühnen der
Stadt Köln und seiner Arbeit als Regisseur an der Inszenierung
von Don Carlos zu berichten. |
In Köln leiten zur Zeit zwei Intendanten die Bereiche Schauspiel
und Oper. An anderen Bühnen wird der Bereich des Balletts zusätzlich
noch mit einem Intendant besetzt, in Köln gibt es jedoch kein
Ballett.
Der Intendant trägt die künstlerische Verantwortung, d.h.
er entscheidet letztendlich, welche Produktionen im Spielplan aufgenommen
werden (in Köln werden pro Jahr ca. 25 Stücke auf den
Bühnen des Schauspiels inszeniert) und muss die Schauspieler
und das Leitungsteam für diese engagieren. Da er alleinverantwortlich
für die Produktionen ist, erfordert diese Tätigkeit weitreichende
Absprachen mit allen Beteiligten einer Produktion. Wichtig sind
hier der Referent der Intendanz, der in seiner Assistenzposition
den Intendanten entlastet und ein hausinterner Dramaturg, der dem
jeweiligen Regisseur zur Seite steht, denn er stellt das Bindeglied
zwischen externem Regisseur und dem Schauspielhaus dar und achtet
beispielsweise darauf, ob die Inszenierung dem Charakter des Hauses
gerecht wird und ob das Thema des Spielplans eingehalten wird.
Selbst die Stückauswahl für eine Saison trifft der Intendant
in Absprache mit den Chefdramaturgen. Die letztendliche Entscheidung
kann der Intendant jedoch allein treffen, immer darauf bedacht,
die alleinige Verantwortung dafür zu tragen.
Marc Günther war bereits an anderen großen Schauspielhäusern,
wie z.B. in Graz, in der Position des Intendanten tätig. Pro
Jahr übernimmt er selbst die Regie eines Stückes. „Don
Carlos“ ist seine zweite Inszenierung in Köln, seit er
dort auch Intendant ist. Seine Produktion „Ein Mann wird jünger“
erschien letztes Jahr auf der Bühne.
Er hat nach seinem Studium als Regieassistent gearbeitet, aber auch
als Dramaturg, bis er sich schließlich als selbständiger
Regisseur auf den Weg gemacht hat. Er selbst betont, dass man als
Regisseur sehr flexibel sein müsse und dass man dieses auch
von den jeweiligen Schauspielern erwarte. So passiere es also laufend,
dass der Regisseur während der Probephase Szenen ständig
ändere, weil seine erste Interpretation nicht mehr seinen Vorstellungen
auf der Bühne entspreche. Selbst kurz vor der Premiere werden
manchmal noch Änderungen vorgenommen.
Ebenso muss sich der Regisseur flexibel zeigen, wenn bei einer Absprache
mit Dramaturgen, Bühnenbildnern und Intendant seine Vorstellungen
nicht verwirklicht werden können. Hier hat Marc Günther
einen Vorteil, da er auch als Regisseur hier das letzte Wort haben
kann. Wir durften ihn aber als einen Regisseur kennen lernen, der
zwar seine Interpretation des Stückes durchsetzt, aber durchaus
kompromissbereit erscheint.
Die Arbeit des Regisseurs beginnt ca. ein Jahr vor der Premiere.
An „Don Carlos“ kann man sehr gut darlegen, wie
wichtig es ist, eine Strichfassung zu machen. Eine Seite des
Originals entsprechen ca. drei Minuten Spielzeit. „Don
Carlos würde also ca. sieben Stunden Spieldauer ohne Strichfassung
bedeuten. Marc Günther hat unter intensiver Arbeit ca.
vier Wochen für eine „Rohfassung“ dieser Strichfassung
gebraucht. In den darauf folgenden zwei Monaten hat er noch
weiter gekürzt. |
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Dem bekannten Bühnenbildner Jens Kilian hat er recht freie
Hand gegeben. Die Vorgabe lautete nur, dass keine einzelnen Räume
dargestellt werden sollten, zum einen müssten sonst während
der Vorstellung zu viele Umbauten vorgenommen werden, zum anderen
würden viele verschiedene Räume den Zuschauern nur eine
Außenperspektive auf die Bühne geben, sie wären
nicht unmittelbar in des Geschehen involviert. Marc Günther
unterstreicht selbst, dass er diese „Shakespeare- Art“
mehr schätze, denn der Raum, der dargestellt wird, ist kein
gebauter, sichtbarer Raum wie z.B. einzelne Zimmer, der Palast o.ä.,
sondern ein Bedeutungsraum, der durch die Schauspieler und die jeweiligen
Charaktere gestaltet werde.
Natürlich spielen auch in der Inszenierung die vielen Briefe
eine Rolle, an dem schon manche Leser verzweifelt sind. Marc Günther
muss selbst lächeln, als wir ihn auf die Schwierigkeit der
Brief-Problematik aufmerksam machen, die schon beim Lesen verwirrt.
Er stimmt uns zu, dass es nicht einfach gewesen sei, er aber eine
gute Lösung gefunden habe.
Insgesamt ist seine Interpretation des Stückes sehr modern
gehalten. Wir dürfen uns einige Bilder anschauen, die als Vorlage
für die Kostüme dienen. Wir sehen Männer und Frauen
im Business- Look, worauf Günther uns erklärt, dass die
Konflikte, die in dem Drama erscheinen, eigentlich aktuell seien.
Es gehe hier um familiäre, freundschaftliche und politische
Konflikte, die er in seiner Interpretation auf die Gegenwart beziehe.
Ein Leitthema für ihn sei beispielsweise der politische Konflikt
um Flandern, der an den gegenwärtigen Konflikt um den Irak
erinnere. Marc Günther ist fasziniert davon, dass ein Autor
wie Friedrich Schiller es geschafft hat, ein Stück zu schreiben,
das zwar in vergangener Zeit spielt, aber immer wieder auf die Gegenwart
bezogen werden kann. Das würde nicht vielen Schriftstellern
gelingen, so Marc Günther.
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Weiter erwähnt er, dass man an der Sprache selbst leider
auch Änderungen vornehmen müsse. So fragt er uns,
was eine „Buhlerin“ sei. Wir kennen zwar den Begriff
„Nebenbuhlerin“, doch eine gelungene Übersetzung
in das heutige Deutsch will uns nicht so recht gelingen. Marc
Günther ersetzt diesen Ausdruck durch den Begriff „Hure“,
welcher heute bedauerlicherweise verbreiteter ist. Die Änderungen
an der Sprache wurden so gering wie möglich gehalten und
wenn etwas verändert worden ist, dient es tatsächlich
nur zum besseren Verständnis. |
Dieses Interview wurde wenige Minuten vor der ersten Probe auf der
Bühne geführt. In der fertigen Inszenierung lässt sich
nun feststellen, dass Marc Günther in der vierwöchigen Probephase
vor der Premiere noch viele Veränderungen vorgenommen hat, die
nicht den primären Ideen entsprechen. |