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Alcestes Terror
von Xaver Baum, Schüler des
Lise-Meitner-Gymnasiums
Es war ein ungewöhnliches Szenario, das sich
den Gästen von Molieres „Der Menschenfeind“ bot. Eine
Wand wie aus Stahl gegossen und ein Steg durch den Zuschauerraum, der
die Besuchergruppe nahezu brutal durchschneidet. Im Oberrang findet sich
jedoch bereits eine Gesellschaft, die ausschweifend dekadent zu feiern
scheint. Bei genauerer Betrachtung handelt es sich dabei jedoch um die
Mitglieder des Ensembles. Alle Charaktere wissen durch ihre Kostüme
ins Auge zu fallen, die einzige Ausnahme bildet hier Alceste, gespielt
von Felix Goeser, welcher in seinem pechschwarzen Anzug beinahe
deplaziert wirkt, auch seine Handlungen unterstreichen seine Stellung
außerhalb der feiernden Gesellschaft.
Es liegt Spannung in der
Luft, sie ist elektrisiert, ein uns bisher unbekannter Konflikt
droht radikal zu eskalieren, als das Licht gedämpft wird und
schwirrende Gitarren in Kombination mit gleißend weißer Schrift auf
der schwarzen Wand vor der Bühne das Leitmotiv des Abends
ankündigen: „Heim zum Reim“. Der Zuschauer wird der Tatsache gewahr,
dass sämtliche Dialoge dieser Aufführung wohl in gereimter Form
präsentiert werden. Der nächste Gedanke, der durch den Kopf schießt,
ist die Frage nach dem Gelingen: Kann es gelingen, eine
abendfüllende Inszenierung in sauberen und kreativen Reimen
vorzutragen? Diese Frage lässt sich jedoch zunächst zurückstellen,
da der Zuschauer abrupt unterbrochen wird.
Alceste, der Protagonist des
Stückes, poltert brachial die Stufen des Ranges auf den Steg hinunter,
fluchend und wüste Reime gegen die anderen Gäste des Ranges spuckend.
Einzig sein Freund Philinte verbleibt bei ihm, welcher jedoch einer
Kaskade an Vorwürfen ausgesetzt ist, die sich am Ende des Stückes
relativieren. Bereits zu diesem Zeitpunkt zeichnet sich ab, dass die
Vorgabe, den Reim beizubehalten, wohl nicht gelingen wird, vor allem,
wenn Alceste gegen seine oberflächlich heuchelnden Gäste wettert. Die
einzige Ausnahme dieser Verachtenswerten bildet die geliebte
Célimène, die sich jedoch nicht von den anderen abhebt, sondern die
Steigerung aller Intrigen zu verantworten hat: Wie ihr Verhalten, so
scheinen ihre Reime nicht immer rein zu sein.
Grotesk wirken vor allem
Alcestes Versuche die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen: Immer wieder
tendiert er dazu, sich zu entblößen und seinen Gästen seinen eigenen
Suizid anzudrohen. Dies wird in seiner Wirkung durch das kühle und
sterile Bühnenbild verstärkt, zudem entsteht eine skurrile und irreale
Kulisse, die für den Ausgang des Stückes eine besondere Rolle
einnimmt.
Nach den Irrungen und
Wirrungen des Stückes bietet ebendiese Kulisse dem Zuschauer ein
überraschendes Ende, welches Parallelen mit der Bühnengestaltung
aufweist. Nach der Zeit des Hin und Hers, seines Terrors, offenbart
Alceste sein wahres Gesicht. Der Raum wirkt ebenso leer wie das Innere
Alcestes, dessen fehlende Glaubwürdigkeit am Ende des Stückes deutlich
wird. Hier erfolgt die einzig kritische Abweichung von Molières Werk.
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