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Eine-Welt-Arbeit

Die Veränderung des traditionellen "Gehäuses" des Unterrichts öffnet diesen nicht nur, was Formen, Lernorte, Medien, Materialien und Rollen angeht, sondern es scheint so, dass die Öffnung auch dazu führt, dass sich die Schule stärker gesellschaftlichen, ja globalen Herausforderungen stellt.

So entwickelte sich parallel zu den unterrichtlichen Reformbemühungen die Institutionalisierung der Einen-Welt-Arbeit, und zwar in der Einrichtung eines Cafés und eines Ladens.
Die Schaffung der genannten Einrichtungen beruhten auf folgenden Überlegungen: Die frühere Eine-Welt-Arbeit an der Schule - motiviert von der Verpflichtung allgemeiner Verantwortung - war theoretisch auf Weckung von Problembewusstsein und Vertiefung von Wissen und praktisch auf konkrete Hilfeleistung für Projekte in der "Dritten Welt" gerichtet.

Wie kann Eine-Welt-Arbeit sichtbar gemacht werden?

Was fehlte, war so etwas wie eine dauerhafte und "unmittelbare" Erfahrbarkeit der Einen-Welt-Arbeit in der Schule. Zentraler Punkt bei der Suche nach einer solchen Möglichkeit war die Einsicht, dass die Probleme der "Dritte-Welt-Staaten" keineswegs isolierte Probleme der "Dritten Welt" sind, sondern nur begriffen bzw. gelöst werden können im Geflecht der historischen, politischen, sozialen und wirtschaftlichen Faktoren der einen Welt. Die Einsicht in die wechselseitigen Abhängigkeiten und Zusammenhänge gewann ihre Konturen aber erst in der Anerkennung der Tatsache, dass die Industrienationen (und damit wir!) eine überragende Verantwortung für die vor allem wirtschaftlich teils katastrophale Lage in der "Dritten Welt" trägt.

Neben diesen Überlegungen zum objektiven Aspekt der Einen-Welt-Arbeit standen gleichrangig Gedanken zum eher subjektiven Aspekt der entsprechenden Arbeit: Vom Prinzip unteilbarer Verantwortung ausgehend sollte ein Sich-Sorgen um die "Dritte Welt" nicht getrennt sein von der Beachtung der eigenen Situation, d. h. auch Verbesserungen hier und jetzt einschließen. Alle diese Überlegungen führten zur Planung zweier Dauereinrichtungen: dem Eine-Welt-Café und dem Eine-Welt-Laden.

Das Café sollte drei Aufgaben erfüllen:

  • Während der Unterrichtszeit gesunde Nahrung (Vollwert) und entsprechende Getränke anbieten
  • Informationen zu Problemen der Einen Welt in einem "attraktiven" Rahmen (ohne den gewöhnlich erhobenen Zeigefinger) vermitteln
  • Durch den erwirtschafteten Überschuss Projekte in der "Dritten Welt" unterstützen

Für das Café standen eine nicht mehr genutzte Lehrküche und ein anschließender Essraum zur Verfügung.

Der Eine-Welt-Laden sollte fair gehandelte Produkte und Recyclingpapier anbieten und dadurch ein bewussteres und verantwortlicheres Konsumverhalten fördern und zwar sowohl im Blick auf die "Dritte Welt" als auch im Blick auf ökologische Probleme.

Zwischenbilanz Café und Laden

Inzwischen ist das Café, das 1987 in einer Projektwoche eröffnet wurde, der beliebteste und vielleicht wichtigste Treffpunkt der Schule geworden. 1995 wurde es um einen Raum erweitert und bietet inzwischen 60 Gästen Platz. Es wird seit 1994 von einem e.V. getragen, der eine Kraft angestellt hat, weshalb das Café täglich 3 Stunden geöffnet sein kann. Durchschnittlich 200 Personen besuchen das Café jeden Tag. Es ist auch ein begehrter Ort für Elternabende, Kurstreffen usw. Die Esswaren werden von bis zu 30 Müttern (manchmal auch Vätern) in verschiedenen Backgruppen ehrenamtlich hergestellt. - Die Stadt Leverkusen und der Landschaftsverband Rheinland haben diese Einrichtung für 1997 mit dem Prädikat "Kinderfreundlich" ausgezeichnet. Mit dem Schuljahrsbeginn 2000/2001 konnten wir das Café um einen Außenbereich auf dem Schulhof erweitern und die Öffnungszeiten in den Mittagsbereich verlängern. Damit ist auch eine Versorgung für die Aktivitäten am Nachmittag gewährleistet. Zwei Backmütter, finanziert aus entsprechenden öffentlichen Mitteln, haben die Zubereitung des Essens und die Betreuung übernommen.

Aus dem ursprünglichen Verkaufstisch im Flur ist ein großer mobiler Verkaufsstand geworden, an dem Schüler und Schülerinnen täglich in den großen Pausen die genannten Waren verkaufen. Der Laden ermöglicht es, den Gedanken sinnvoller Produkte, fairer Preise für die Produzenten, verantwortungsbewussten Konsums und des Umweltschutzes allen Personen der Schulgemeinde ohne Aufdringlichkeit nahe zu bringen. Beide Einrichtungen erhöhen die Qualität des Schullebens ganz unmittelbar und geben allen Personen der Schulgemeinde die Möglichkeit, direkt soziale Verantwortung zu üben.

Steigerung der Wirksamkeit durch Zusammenschluss

Die planende Gruppe, d. h. alle an entwicklungspolitischen Fragen interessierten Personen, hatte sich 1984, um ihr Anliegen effektiver verfolgen zu können, zum Eine-Welt-Kreis zusammengeschlossen. Natürlich ist der Eine-Welt-Kreis auf vielen anderen Ebenen und in vielen (auch) außerschulischen Gremien tätig: Er fördert und initiiert Unterrichtsprojekte, organisiert Informationsveranstaltungen, Ausstellungen, Besuche aus der "Dritten Welt" und beschafft Informationsmaterial. Er arbeitet auf städtischer Ebene bei der Nord-Süd-Initiative (Lokale Agende 21 Leverkusen) und bei Veranstaltungen der VHS mit. Zur Zeit sind etwa 40 Personen Mitglieder, überwiegend Eltern. Die Mitarbeit der Schüler und Schülerinnen in diesem Gremien beschränkt sich auf einzelne Projekte. Der jährlich erwirtschaftete Überschuss kommt neben der Unterhaltung der Küche und des Cafés folgenden Projekten zugute:

  • Leprastation Mwena/Tansania (seit 1959)
  • Colegio San Luis in Chinandega/Nicaragua (Schulpartnerschaft seit 1986)
  • Instituto Nacional in Chinandega/Nicaragua (Schulpartnerschaft seit 2000)

Die Hilfsprojekte: Leprastation Mwena, Colegio San Luis und Instituto Nacional

Es gehört zu den inzwischen allgemein anerkannten Maximen, dass "Entwicklungshilfe" umso erfolgreicher ist, und zwar für die Seite der "Empfänger" wie der "Geber", wenn sie auf gegenseitiger Kenntnis und persönlichem Austausch beruht. So besteht - teilweise schon seit Jahrzehnten - ein persönlicher Kontakt zwischen unserer Schule und unseren Projektpartnern. Diese Zusammenarbeit gipfelte jeweils in gegenseitigen Besuchen bzw. Arbeitseinsatz unsererseits in den Projekten. Selbstverständlich konnte das von unserer Seite aus nur in den Schulferien stattfinden, wobei die Kosten entweder von den Lehrkräften selbst getragen oder bei Schülern durch Zuschüsse mitfinanziert wurden. Im Laufe der über 40-jährigen Beziehung zur Leprastation Mwena haben wir diese mit mehr als 250.000,--DM unterstützt. Davon wurden vor allen Dingen Medikamente und Einrichtungsgegenstände (etwa Betten) beschafft. In dieser Zeit entwickelte sich die Station zu einer bedeutenden Zentrale der Leprabekämpfung in der gesamten Süd-OstRegion Tansanias mit durchschnittlich ca. 600 Patienten. Bei der Gründung der Partnerschaft mit dem Colegio San Luis in Chinandega kamen gegenüber der Verbindung mit der Leprastation im Sinne intensiverer Vernetzung noch drei Faktoren hinzu: Erstens ist diese Partnerschaft innerhalb der bürger- bzw. basisorientierten Städtepartnerschaft Leverkusens mit Chinandega angesiedelt, zweitens gibt sie Raum für einen Arbeitseinsatz von Schülern und Lehrern an der Partnerschule in Nicaragua und drittens erhöht die soziale und psychologische Nähe von Schule zu Schule die Chancen partnerschaftlichen Austauschs auf mehreren Ebenen. Durch die bisher geleistete materielle Hilfe von unserer Seite (ca. 40 000,--DM) konnten am Colegio Schulmöbel, Lern- und Lehrmittel angeschafft, notwendige Reparaturen durchgeführt und Stipendien für bedürftige Schüler/innen vergeben werden. Beim vorletzten Besuch in Chinandega (1998) haben wir Kontakt zu einer zweiten Schule, dem Instituto Nacional, geknüpft. Dieser Kontakt hat sich inzwischen so intensiviert, dass wir bei unserer letzten Fahrt nach Chinandega (Herbst 2000) eine förmliche Partnerschaft besiegelt haben.

Die Eine-Welt-Arbeit an unserer Schule hat vor kurzem eine unerwartete und überraschende Anerkennung gefunden: Beim Besuch des Bundeskanzlers Schröder und des Ministerpräsidenten Clement in der Schule (Februar 2000) hat der Bundeskanzler, nachdem er einen Einblick in die Eine-Welt-Arbeit bekommen hatte, spontan jeweils DM 10 000 für die Partnerschule und die Leprastation zur Verfügung gestellt.

Fazit

Wir meinen, dass in der Geschichte der Einen-Welt-Arbeit an unserer Schule ablesbar ist, was Schule - zumindest in der Tendenz - leisten müsste und sein könnte:

Einerseits müssten die drängenden gesellschaftlichen, politischen, ökonomischen und ökologischen Probleme Eingang in den Schulalltag finden und andererseits müssten aus der Schule heraus Aktivitäten erfolgen, die in die genannten Problembereiche eingreifen.

Natürlich sind wir nicht von Zweifeln darüber frei, ob und inwieweit die Eine-Welt-Arbeit an der Schule bei Vielen bewusstseins- und verhaltensändernd wirkt, ob und inwieweit die Form unserer Hilfe eine passende Antwort auf das Nord-Süd Problem darstellt, ob und inwieweit unsere Motive einer genaueren Kritik standhalten könnten - aber, solange wir keine tauglichere Alternative sehen, sind wir der Überzeugung, unsere Arbeit fortsetzen zu müssen.